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Münchner Grüne rufen zu Solidarität mit Jüdinnen und Juden auf

JüdischesLebenHerzEntschieden ein Zeichen der Solidarität setzen wollen die Münchner Grünen angesichts der antisemitischen Übergriffe in den vergangenen Wochen und Monaten. Deshalb rufen die Münchner Grünen zur Teilnahme an der Kundgebung “Zusammenstehen gegen Antisemitismus” am Freitag, 8. Juni ab 14.30 Uhr am St.-Jakobs-Platz auf.

“Deutschland und München erinnert sich sehr wohl unserer Geschichte. Ich finde es unerträglich, dass Einzelne immer wieder das gesellschaftliche Klima mit Übergriffen, mit Beschimpfungen und mit Gewalttaten zu vergiften versuchen. Angriffe auf Jüdinnen und Juden sind Angriffe auf unsere liberale Gesellschaft und auf die Grundwerte unserer Demokratie. Deshalb ist die Kundgebung ein wichtiges Signal, wir zeigen, dass München zusammensteht”, so die Spitzenkandidatin der bayerischen Grünen für die Landtagswahl und Fraktionsvorsitzende im Landtag Katharina Schulze.

“2017 gab es in Bayern insgesamt 148 antisemitische Straftaten und leider ist die Aufklärungsrate gering. Der Fahndungs- und Ermittlungsdruck muss erhöht werden, genauso wie Präventionsmaßnahmen. Allen Menschen, die Opfer antisemitischer Gewalt geworden sind, gebührt unsere Solidarität.”, so Schulze, die eine ausführliche Anfrage zu antisemitischen Straftaten an die Bayerische Staatsregierung gestellt hat.

“Antisemitismus kommt manchmal ganz offen und unverhohlen daher, manchmal aber auch ganz subtil. Auch der leise Antisemitismus muss aber erkannt, benannt und bekämpft werden. Kein Fußbreit Platz dürfen wir Anfängen und Relativierungen irgendeiner Art von Antisemitismus gewähren”, so der Vorsitzende der Münchner Grünen Sylvio Bohr. “Antisemitismus hat in unserem München keinen Platz. Das zeigen wir am 8. Juni – mit oder ohne Kippa.”

Seine Co-Vorsitzende Gudrun Lux ergänzt: “Der 8. Juni ist ein Tag der Erinnerung und der Mahnung. An diesem Tag vor genau 80 Jahren wurde der Abriss der damaligen Münchner Hauptsynagoge verfügt. Fast jeden Tag fahre ich mit dem Rad am neuen jüdischen Zentrum am St.-Jakobs-Platz vorbei. Dass jüdisches Leben heute wieder im Herzen der Stadt einen Platz hat, ist bedeutend und richtig. Die gesamte Münchner Stadtgesellschaft muss dafür einstehen.”

Gedenken

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Peter Jordan (Mitte) erinnert an seine von den Nationalsozialisten aus München deportierten und ermordeten Eltern. Für sie ließe er in der Mauerkircherstraße – wo sie zuletzt lebten – gerne (erneut) Stolpersteine verlegen. Ich schäme mich, dass diesem Herrn sein Anliegen in unserer Stadt verwehrt wird.

 

CSU und SPD verbieten Stolpersteine erneut

Ich bin sehr traurig über die Entscheidung des Münchner Stadtrats, Stolpersteine in München auf öffentlichem Grund auch weiterhin zu verbieten.

Ich respektiere, wenn Menschen eine bestimmte Art des Gedenkens für sich ablehnen. Ich wünsche mir aber, dass anerkannt wird, dass andere Menschen sich explizit Stolpersteine für ihre Angehörigen wünschen – und dass man diesen anderen Menschen eben diese Art des Gedenkens nicht verbietet.

Es ist erschreckend, dass CSU und SPD die Abstimmung über diese sensible und viel diskutierte Frage nicht freigegeben haben, sondern Fraktionszwang herrschte und somit Stadtratsmitglieder gegen ihre Überzeugung abgestimmt haben. Das ist falsch.

80.000 Namen für Stolpersteine

80.000 Menschen stehen mit ihrem Namen gegen das Stolperstein-Verbot in München. Gestern hat die Münchener Initiative für Stolpersteine die Namen der Unterstützerinnen und Unterstützer eindrucksvoll auf dem Königsplatz aufgerollt. Die Petiton kann nach wie vor auf change.org unterschrieben werden.

SPD und CSU wollen das Verbot erneuern

80.000 Unterschriften, ausgerollt am Königsplatz. Bild: Andreas Gregor.

80.000 Unterschriften, ausgerollt am Königsplatz. Bild: Andreas Gregor.

Der Stand der Dinge: Die Fraktionen von SPD und CSU wollen die Stolpersteine auf öffentlichem Grund erneut und weiterhin verbieten – die SPD-Fraktion stimmt hier übrigens gegen die Mehrheit der eigenen Partei. Der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, ein engagierter Befürworter der Stolpersteine, hat sich gegen das bestehende absolute Verbot in München ausgesprochen. Auch die Vertreter anderer Opfergruppen, etwa der Sinti und Roma oder der Homosexuellen, setzen sich für Stolpersteine ein.

Charlotte Knobloch, ehemalige Zentralratspräsidentin und noch immer Präsidentin der Münchener Kultusgemeinde, ist eine Gegnerin der Stolpersteine, da sie meint, so würden die Namen der Opfer mit Füßen getreten. Selbst in der Kultusgemeinde ist das umstritten. SPD und CSU im Rathaus haben vor gut 10 Jahren Stolpersteine in München verboten und zwei bereits verlegte Steine herausgerissen. Verlegt worden waren diese für die Eltern von Peter Jordan, die ermordet worden waren – als Juden. Peter Jordan, selbst Jude aus München, der aber als Kind nach England fliehen könnte, setzt sich seither (wie viele andere Verwandte Ermordeter) für das erneute Verlegen der Steine ein.

Wir versündigen uns an den Überlebenden

Meine Position: Ich respektiere, dass Frau Knobloch die Stolpersteine ablehnt, halte es aber für falsch, Stolpersteine grundsätzlich auf öffentlichem Grund zu verbieten. Die Stadt soll Stolpersteine nicht fördern oder selbst verlegen, sie soll lediglich das Verbot aufheben und nicht wie geplant erneuern. Selbstverständlich sollten Stolpersteine dann nicht verlegt werden, wenn überlebende Nachfahren, Angehörige oder die entsprechende Opfergruppe sich dagegen verwahrt. Dort wo es anders ist aber, versündigen wir uns an den Menschen, die noch leben, wenn wir ihnen die Form des Gedenkens verwehren, die sie selbst wünschen. So wie die Stadt Peter Jordan Unrecht tut, der sagt, an dem Tag, an dem die Steine für seine Eltern entfernt worden seien, habe es sich für ihn angefühlt, als seien seine Eltern erneut deportiert worden.

Stolpern, innehalten, erinnern

Stolperstein für Max Sax in München. Bild: Andreas Gregor

Stolperstein für den ermordeten Max Sax in in München. Bild: Andreas Gregor

Ich bin schon in vielen Städten über Stolpersteine “gestolpert”, habe innegehalten, habe der Menschen gedacht, denen die Steine gewidmet sind. Vor wenigen Jahren habe ich mich sehr geschämt, dass der Gemeinderat meines Heimatdorfes Stolpersteine auf Gemeindegrund ablehnte – explizit gegen der Willen von Angehörigen der ermordeten Juden Schonungens. (Mehr über diese peinliche und traurige Sache kann hier beim Schweinfurter Tagblatt nachgelesen werden.)

Heute habe ich mir wieder Gedanken über Stolpersteine gemacht. Der aktuelle Anlass: Dieser Text in der Süddeutschen Zeitung, in dem von einem Brief berichtet wird, den  Charlotte Knobloch an den Kulturreferenten (eine Art Stadtminister) von München geschrieben hat. Charlotte Knobloch, die in wenigen Wochen 82 Jahre alt wird, ist selbst Opfer des Holocaust. Die Präsidentin der (orthodoxen) Israelitischen Kultusgemeinde und ehemalige Präsidentin des Zentralrates der Juden in Deutschland lehnt seit vielen Jahren Stolpersteine als Mittel des Gedenkens ab, da so die Namen der Opfer mit Füßen getreten würden.

Ich respektiere die Meinung von Charlotte Knobloch. Wenn ich die Meldung in der SZ lese, finde ich allerdings, dass sie sich im Ton vergreift.Vor zehn Jahren hat der Münchener Stadtrat beschlossen, dass in der bayerischen Landeshauptstadt keine Stolpersteine auf öffentlichem Grund verlegt werden sollen. Angesichts dessen, dass in vielen Städten Bayerns, Deutschlands und darüber hinaus Stolpersteine verlegt werden – oft explizit mit Unterstützung der jüdischen Gemeinden vor Ort – ist es wohl nur recht und billig, wenn auch der Münchener Stadtrat sich noch einmal damit beschäftigt. Und da werden nicht gleich Anträge gestellt und Debatten geführt, sondern es soll erstmal ein Hearing geben, bei dem natürlich auch Charlotte Knobloch als prominenteste Gegnerin der Stolpersteine gehört werden soll. Sie aber sieht in dem Hearing ein “würdeloses Schauspiel, das einige Profilneurotiker mühevoll und unerbittlich erzwungen” hätten.

Nun kenne ich einige derjenigen, die sich für Stolpersteine auch in München einsetzen, ziemlich gut und halte sie nicht für Profilneurotiker und glaube auch nicht wie Knobloch, dass für sie die Stolpersteine ein “obsessives Kunstprojekt” sind, sondern verstehe ihr Engagement als ernsthaftes Bemühen um eine nachhaltige Gedenkkultur im Alltag. Damit sind sie nicht alleine; offenbar gibt es ja viele Menschen, die Stolpersteine als würdige Art des Gedenkens empfinden – auch Opfer und Angehörige von Opfern des mörderischen Nationalsozialismus.

Ich war vor einigen Monaten, im Mai, bei der Verlegung eines Stolpersteins in München dabei – auf privatem Grund, auf öffentlichem ist es ja verboten. Es wurde ein Gedenkstein für einen Mann verlegt, der Opfer der sogenannten Euthanasie war – Ärzte ließen den als psychisch krank eingestuften knapp 70-jährigen Max Sax verhungern. Bei der Steinverlegung war auch ein alter Herr anwesend, ein Verwandter des Ermordeten. Er war extra angereist, um dabei zu sein und er war sehr bewegt und gerührt. Für ihn war diese Form des Gedenkens genau die richtige. Auch Menschen, die wie Knobloch selbst unmittelbare Opfer der Nazis waren, setzen sich für Stolpersteine ein, etwa Peter Jordan, ein Jude aus München, der 16-jährig nach Großbritannien floh – seine Eltern wurden ermordet.

Knobloch spricht weder für alle Opfergruppen – denn auch Sinti und Roma, Homosexuelle, Zeugen Jehovas, Behinderte, politisch Unbeugsame und viele mehr waren Opfer der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft. Noch spricht Knobloch für alle Juden, wie das Beispiel Peter Jordans zeigt; die Liberale Jüdische Gemeinde München übrigens begrüßt die Stolpersteine ebenso wie die Israelitische Kultusgemeinde Würzburg, deren Präsident Josef Schuster sich massiv für Stolpersteine stark macht (entsprechend sind in Würzburg bereits viele solcher Gedenksteine verlegt worden).

Ich hoffe, dass bei dem Hearing des Stadtrates beide Seiten zu Wort kommen und das Wort ergreifen und ich hoffe, dass der Stadtrat zumindest denjenigen Opfergruppen und Angehörigen, die explizit diese Form des Gedenkens wünschen, Stolpersteine auch auf öffentlichem Grund ermöglicht. Und vielleicht, irgendwann, traut sich auch mein Heimatdorf zu, über die eigene Vergangenheit zu stolpern und im Alltag innezuhalten im Gedenken an Menschen, die einst in Schonungen heimisch waren und dann brutal verschleppt und ermordet wurden.